Vorgeschichte

Indie-Rock gab es im DDR-Radio auch schon vor dem März 1986 zu hören. Die kleinen Kerben, die von Musikredakteuren in den Mainstream-Rockbrei geschlagen wurden, konnte man immer wieder registrieren. So, wie es 1975 eine „große Sache“ war, wenn mensch in der BEATKISTE einen Deep Purple Hit hörte, oder bei TREND mit gekünstelt-ästhetischer Ambition das Werk von Frank Zappa beleuchtet wurde, riß die HörerIn 1982 erfreut die Ohren auf, wenn Mischko Schiewack bei HALLO einen Clash-Song ansagte, oder Lutz Bertram einen Beitrag über Spliff moderierte.

Radio ist das schnellste Medium. Und eben diese Geschwindigkeit macht es relativ schwer, es umfassend zu zensieren. Noch schwerer wird das, wenn mensch bedenkt, welche Schwierigkeiten es nicht umfassend Eingeweihten bereitet, die wahre Bedeutung all der verschlüsselten Botschaften zu begreifen, die gerade in der Rockmusik stecken. Jede Generation hat ihren eigenen Schlüssel, jede neue Mode birgt die Offerte, als Insider alles, als Outsider nichts zu verstehen. Wer in den inneren Kreis gelangen will, braucht die für den Schlüssel notwendige Erfahrung. Da aber Zensoren über längere Zeit an ihrem Posten verharren, schon aus Karrieregründen, muß ihnen zwangsläufig der Zugang erschwert bleiben. Um sich aus dieser Misere zu befreien, suchen sich die Zensoren Dolmetscher. Und an denen liegt es dann, ob das Ziel erreicht werden kann oder nicht.

Unter diesen Umständen befindet sich ein Musik-Chefredakteur bei einem Sender wie DT64, quasi als ausführendes Zensurorgan immer in einer heftigen Zwickmühle. Das Vertrauen auf die Sicherheit „seiner Leute“ bleibt ihm als einzige Alternative zum rigorosen Verbot alles Abwegigen. Aber zu deutliche Verbote sollten bei der West-Radio-Alternative DT64 nicht angewendet werden. Durch dieses Nadelöhr huschte, wenn auch fürs Erste eher unbewußt, das Projekt PAROCKTIKUM. Die Idee zu dieser Sendung war schon alt. In den vielen denkfreien Zeiten meines Armeedienstes, als ich noch heftigst davon träumte, einen Redakteursposten zu bekommen, gehörten sowohl der Name, als auch das Konzept der Sendung zu meinen beliebtesten Tagphantasien.

Es geht ja das Gerücht, daß an jedem vierten Donnerstagabend, ab 23.00 Uhr verschreckte Mütter aus dem Schlaf hochfahren und verängstigte Nachbarn entnervt nach der Oropax-Packung kramen, die sie seit Jahren schon nicht mehr benötigt haben.

Parocktikum, 22.Mai 1986

zum nächsten Kapitel: 27.März 1986

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