Normalisierung?

Das erste PAROCKTIKUM-Jahr war ein vorsichtiges Herantasten zwischen Sendung und HörerInnen. Die schon in dieser Zeit eher große Resonanz führte dazu, dass die Sendung mit doppelter Sendezeit (eine Stunde aller 14 Tage) ausgestattet wurde. Ein kleiner Trick brachte dann noch mal einen erheblichen Werbeeffekt: Als in der Redaktion darüber diskutiert wurde, welches Programm DT64 in der Silversternacht 86/87 bringen sollte, wurde mein Vorschlag, ab 0 Uhr mit frischer Indie-Musik den Leuten einen kräftigen Schubs ins neue Jahr zu geben, angenommen. Ein gehöriges Maß Unlust, zu Silvester arbeiten zu müssen, ließ die KollegInnen wohl erfreut nicken. Diese 5 Stunden Party mit Musik von Depeche Mode bis Dead Kennedys brachte dem PAROCKTIKUM reichlich neue ZufallsfreundInnen.

…bis ich am 1.1.87 früh, etwa um dreiviertel Zwei den Zeiger meines Radios auf die Frequenz von DT64 stellte. Durch Zufall und Glück, dass ich noch relativ nüchtern und schon zu Hause war. Schon etwas früher, kurz nach 0 Uhr, als ich noch auf einer Fete bei einem Kumpel war, dachte ich ich spinne: Killing Jokes „Love like blood“ kam durch die Mebrane und als der Moderator wieder sprach kam der Hammer: das war Jugendradio.

K. aus Freiberg, Januar 1987

1987 gab es leichte Normalisierungen im Umgang mit der Indie-Szene. Zumindest, was das Leben in Berlin anging. Genau wie die Situation kurz vor den Weltfestspielen 1973 eine hörbare Lockerung des öffentlichen Umgangs mit Rockmusik brachte, gab sich Väterchen Staat jetzt etwas toleranter. Und genau wie damals die wirklich harten Kritiker (z.B. Biermann) nichts von dieser neuen Toleranz hatten, kümmerten sich diverse dogmatische Kulturaufpasser in den provinziellen Ecken des Landes darum, dass keiner glauben konnte, es wäre alles gut.

Die Minensucharbeit des PAROCKTIKUM ging weiter. Nachdem es offensichtlich ohne größere Schwierigkeiten möglich war, Kassetten von Aufruhr zur Liebe oder Teurer denn je zu spielen, und auch die Musik der Einstürzenden Neubauten nicht als schädlich eingeordnet wurde, brachte die längere Sendezeit mehr Möglichkeiten für andere Formen. Zu behaupten, ich hätte das alles kompromißlos und todesmutig unternommen, wäre ein recht blöder Versuch meine Rolle zu überschätzen. Der heikle Versuch, die Neubauten irgendwie in die scheinbar offiziell gelittene, sozialkritische Linie „progressiver Punkkultur“ zu stellen, scheint mir aus heutiger Sicht eher unbeholfen. Übrigens mußte auch Blixa Bargeld, als er den Text zwei Jahre später zu lesen bekam, darüber lachen.

Alle negativen Geräusche des Lebens sollten sich vereinen, zum Tanz in den Untergang. Eine Position, die, wenn man sie wirklich konsequent verfolgt, keine Entwicklung möglich macht, außer der ins total Negative.
Der Umstand, dass die Einstürzenden Neubauten aber doch eine Entwicklung vollzogen haben, beweist, dass der von ihnen anfangs beschrittene Weg nicht begehbar ist.

Manuskript, Februar 1987
Komplettes Manuskript als PDF (ca. 3,2MB)

Hier hat das Minenboot eine explosive Stelle vorsichtig umschifft und, wie immer bei solchen Vorsichtsmaßnahmen, nicht erfahren, ob es wirklich geknallt hätte. Allein der Umstand, dass eine Sendung, wie die über die Neubauten gemacht wurde, hat dann allerdings die meisten davon überzeugt, dass es hier schon um mehr gehen soll als ein wenig Unterhaltungsmusik.

zum nächsten Kapitel: Tapes in Hülle und Fülle

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