Rundfunk-Produktionen

Die immer stärker werdende Präsenz der Bands, auch in der Konzertöffentlichkeit, führte dazu, daß die HörerInnen sich mit ihren Wünschen nach dieser Musik nicht mehr nur an das PAROCKTIKUM wandten. Dazu kam, daß sich einige „anerkannte“ Musiker, wie Conny Bauer und Toni Krahl für die frische, aufblühende Szene einsetzten. Im Laufe des Jahres 87 jedenfalls, trat der Chefproduzent des Ostradios, Walter Cikan an mich heran und offerierte mir die Möglichkeit, mit einigen Bands Produktionen zu machen. Dabei sollte ich, quasi als Mittler zwischen den ungleichen Polen, die Aufgabe des Produzenten übernehmen.

Welche Vorgänge im Hintergrund diesen Schritt befördert haben, kann ich nur vermuten. Die Berlin-Jahr-Offenheit wäre ins Feld zu führen, aber da zu spekulieren, scheint mir eher unsinnig. Das Angebot war verlockend und fürs erste unverfänglich: Ich konnte mit bestimmten Bands Produktionen vorbereiten, als einfachste Variante einer solchen Produktion vor allem Konzertmitschnitte organisieren.

Bei Studioproduktionen im DDR-Rundfunk galt es normalerweise mehrere Hürden zu nehmen. Nachdem man einen wohlgesonnenen Produzenten gefunden hatte, mußten die Songs, vor allem die Texte einem Gremium vorgelegt werden, das sich bescheiden „Lektorat“ nannte. Dazu gehörten neben den fest angestellten Produzenten auch „bewährte“ Texter (wie Fred Gertz), die freilich des Öfteren selbst mit eigenen Werken zur Diskussion standen. Je nach politischer Wetterlage arbeitete dieses Genehmigungs-Kollektiv hart oder weich. Die harte Arbeit von 750 Berlin-Hits zum Beispiel ließ fast ein Jahr lang kaum Zeit für anderes.

AG Geige (Jan Kummer)

Immerhin war das dann doch die Zeit einiger neuer Heavy Metal Produktionen und zum Beispiel der Produktion des Hard Pop-Klassikers „Fang an, steh auf“, der bei Gunther Wosylus (ehemaliger PUHDYS-Drummer) im Nachwuchsstudio aufgenommen wurde. Das Lektorat hatte eine längere Zeit damit zu tun, über die Textzeile „stumm wie’n Fisch, gehst du früh zur Arbeit, taub wie’n Tisch säufst Du abends Dein Bier“ zu befinden. Fred Gertz beklagte, daß doch wohl ein Tisch nicht taub sein könne, wiewohl er andernfalls auch nicht sprechen würde. Ihm war damals übrigens nicht bekannt, daß dieser Text von keinem Geringeren als Sascha Anderson stammte, der unter Pseudonym für verschiedene Bands textete (zum Beispiel auch Cäsars Rockband). Mit solchen Diskussionen wurde TexterInnen und MusikerInnen das Leben schwer gemacht. Wer diese Erfahrungen etwas länger machen mußte, gab entweder bald auf oder paßte sich früher oder später bedingungslos an.

Fürs erste aber waren die Produktionen fürs PAROCKTIKUM weniger problematisch. Als erste quasi Studioproduktion stand ein Projekt mit der AG Geige an. Für drei Tage fuhr ein Ü-Wagen mit einer 16-Spur-Anlage nach Karl-Marx-Stadt, um dort in einer kleinen Galerie sechs Songs der Band aufzunehmen. Die Stücke wurden auch gleich vor Ort abgemischt. Für alle Beteiligten war dieses Wochenende ein Experiment. Die Band hatte das erste Mal mit professioneller Studiotechnik, die Ü-Wagen-Leute das erste Mal mit einer „anderen Band“ zu tun und nach dem Wochenende wurde das Programm DT64 erstmals mit einer solchen, eher unorthodoxen Musik auf offiziellem Wege konfrontiert. Songs, wie „Fischleim“ und „Kosmonauten“ hielten sehr bald in die Tagesprogramme Einzug, was mithin nicht jedem gut bestallten Musikredakteur oder gar Halbleiter gefiel.

Manuskript zu den Produktionen der AG Geige Oktober 1987 / Dateigröße: 62.1 KB PDF-Icon

Erfahrungsbericht als Produzent in der „Unterhaltungskunst“ / Dateigröße: 57.2 KB PDF-Icon

zum nächsten Kapitel: Parocktikum Sessions

Share on Facebook0Google+0Tweet about this on TwitterPin on Pinterest0